Geschichten aus der Gruft – Die Inschriften des Stadtgottesackers

Stadtgottesacker

Halle. MLU/CH. Hunderte Gräber und deren Inschriften auf dem Stadtgottesacker in Halle hat Historiker Prof. Dr. Klaus Krüger mit Studierenden dokumentiert, analysiert und erstmals fotografisch festgehalten. Die Ergebnisse liegen jetzt in Buchform und als online frei zugängliches Archiv vor. Die Inschriften geben Einblick in das komplexe Beziehungsgeflecht der halleschen Oberschicht in den vergangenen Jahrhunderten.

Die Idee, sich wissenschaftlich mit dem bedeutenden Friedhof auseinanderzusetzen, kam Krüger bereits im Jahr 2002, als er seinen Dienst an der MLU antrat. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört seit jeher die Begräbniskultur. Deshalb sei ihm auch schnell die Idee gekommen, den Stadtgottesacker mit Studierenden zu erforschen, so der Wissenschaftler. 2003 fand die erste Lehrveranstaltung zum Thema statt, es sollten weitere folgen, denn das Projekt war deutlich umfangreicher, als Krüger es zunächst gedacht hatte. Unterstützt wurde er durch die Mitarbeiter der Arbeitsstelle „Deutsche Inschriften“ der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, die ihren Sitz in Halle hat. Sie brachten das nötige technische Fachwissen für die Anfertigung der Fotoaufnahmen wie auch das entsprechende Hintergrundwissen zu Inschriften insgesamt ein. Denn um an die Informationen darauf zu gelangen, musste die Gruppe um Krüger die Inschriften nicht nur entziffern, sondern auch übersetzen. Die Texte sind im barocken Latein gehalten, was die Übersetzung sehr komplex macht, wie Krüger sagt: „Das war das schwierigste Latein meines Lebens.“

Zunächst waren Grabinschriften Erinnerungen an die hiesigen Geistlichen, für das Seelenheil der Toten zu beten. „Das kann man sich wie einen richtigen Vertrag vorstellen“, erklärt Krüger. Der oder die Stifterin vermachte der Kirche einen großen Betrag, mit dem die Geistlichen und die Anlage bezahlt werden sollten. Im Gegenzug dazu verpflichtete sich die Kirche, bis zum Tag des Jüngsten Gerichts für das Seelenheil der Mäzene beten zu lassen. Stein ist, anders als Pergament, nahezu unvergänglich. Deshalb wurden diese Verträge nicht auf Papier festgehalten, sondern wortwörtlich in Stein gemeißelt. Krüger: „Die Inschriften machen dieses Abkommen für alle Zeit sichtbar.“

Ihre Bedeutung änderte sich jedoch im Zuge der Reformation: „Luther stellte die bisherigen Vorstellungen infrage und sagte, dass das Gebet keinen Einfluss auf das Seelenheil hat. Es ist völlig egal. Allein Gott entscheidet über die Erlösung“, so Krüger. Nur der individuelle Glaube könne dabei helfen, ins Paradies zu gelangen. Mit der Reformation änderte sich deshalb nicht nur die Rolle der Geistlichen, sondern auch die der Gräber. „Sie sind vielmehr zu Orten der persönlichen Andacht an die verstorbene Person geworden“, sagt Krüger. Diesen Wandel könne man auch am Stadtgottesacker sehen. Die Inschriften vor 1540, als Halle protestantisch wurde, sind noch vom alten Typ, aber dann ändern sich die Texte grundlegend. Auf den Grabsteinen aufgelistet sind seitdem Angaben zur Hochzeit, zu Kindern und weiteren wichtigen Lebensstationen – und natürlich Besitzanzeigen, welcher Familie ein bestimmter Bogen gehört. „Dabei handelt es sich im Grunde um personenbezogene Daten, die wir aus dieser Zeit in dieser Dichte nur hier finden können“, sagt der Historiker.

Nach fast 18 Jahren wurde das Projekt nun mit einer Veröffentlichung im Wissenschaftsverlag De Gruyter abgeschlossen. Die Grabinschriften sind für die Forschung nicht nur von Interesse, um individuelle Biographien nachzuzeichnen. Durch die vielen Querverweise auf weitere Personen oder Familien entsteht in der Gesamtheit ein umfangreiches Beziehungsnetzwerk, das sich mit den Texten aufdecken lässt. Insgesamt haben Krüger und seine Mitstreiter rund 850 Personen – 520 Männer und 320 Frauen – aus der Zeit von 1550 bis 1700 identifiziert und die Daten in der umfangreichen Publikation zusammengetragen. Sämtliche Bögen, Grabmäler und Grabplatten hat das Team hochauflösend fotografiert und ebenfalls frei zur Verfügung gestellt. Damit stehen die Erkenntnisse und das Material allen an der Stadtgeschichte Halles Interessierten frei zur Verfügung.

Autor: Tom Leonhardt