Studie der MLU: Warum mehr Pflanzenarten kein Grund zur Entwarnung sind

Teich Pflanzen
© H@llAnzeiger

Halle/MLU. Die Zahl der Pflanzenarten ist in vielen europäischen Ökosystemen in den vergangenen 100 Jahren lokal eher gestiegen als gesunken. Dieser Zuwachs ist jedoch vor allem auf Generalisten und gebietsfremde Arten zurückzuführen, die heimische Arten verdrängen können. Europaweit ist die Gesamtzahl der Arten nicht gestiegen. Das zeigt eine internationale Studie unter Leitung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU), für die mehr als 57.000 Vegetations-Zeitreihen aus verschiedenen europäischen Lebensräumen ausgewertet wurden.

Die Forschenden aus 21 Ländern analysierten erstmals europaweit die Entwicklung der lokalen Pflanzenvielfalt und unterschieden dabei zwischen stabilen, natürlich veränderten und durch den Menschen gestörten Lebensräumen. Im Durchschnitt nahm die Artenzahl auf den untersuchten Flächen um 0,2 Prozent pro Jahr zu. Besonders starke Veränderungen zeigten sich in Feuchtgebieten und Mooren, vor allem nach Störungen oder einer Überwachsung mit Gehölzen. In Grünland fielen die Veränderungen deutlich geringer aus.

Der lokale Anstieg der Artenzahl sei jedoch kein Hinweis auf intakte Lebensräume, sondern häufig Ausdruck einer zunehmenden Verbreitung anpassungsfähiger Generalisten und gebietsfremder Arten. Spezialisierte und seltene heimische Pflanzen könnten dadurch langfristig verdrängt werden. Dass die Gesamtzahl der Arten europaweit trotz neu eingewanderter Arten nicht zunahm, deutet auf schleichende Artenverluste hin, die sich erst über lange Zeiträume nachweisen lassen.

Die Studie unterstreicht zudem die Bedeutung langfristiger botanischer Erhebungen und eines kontinuierlichen europaweiten Monitorings der Pflanzengemeinschaften. Sie entstand im Rahmen des von der MLU koordinierten Projekts „MOTIVATE“ mit Partnern aus mehreren europäischen Ländern.