Halle/UMH. Mehr als 92.000 Menschen in Sachsen-Anhalt sind aktuell mit einer wiederkehrenden Depression diagnostiziert – Tendenz steigend. Die Universitätsklinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Universitätsmedizin Halle reagiert darauf und erweitert das Behandlungsangebot ihrer Station Hauptmann: Mit CBASP und rTMS stehen zwei zusätzliche Ansätze für Patient:innen mit schwerer oder chronischer Depression zur Verfügung.
Depressionen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen – und ihre Zahl nimmt weiter zu. Insbesondere schwere und chronische Verlaufsformen erfordern eine differenzierte Behandlung. Dabei wird zwischen einer schweren depressiven Episode – als erstmalige oder wiederkehrende Erkrankung – und einer chronischen Depression unterschieden. Eine schwere depressive Episode ist durch anhaltende Niedergeschlagenheit, Interessenverlust und deutliche Einschränkungen im Alltag gekennzeichnet. Von einer chronischen Depression spricht man, wenn diese Beschwerden über mindestens zwei Jahre bestehen.
Auf Station Hauptmann wird die bereits etablierte leitlinienorientierte Behandlung nun um zwei weitere Bausteine ergänzt. So profitieren Patient:innen von einem breiteren Spektrum an Therapiemöglichkeiten.
CBASP: Psychotherapie für chronisch depressiv Erkrankte
Mit CBASP (Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy) steht ein Psychotherapieverfahren zur Verfügung, das speziell auf die Bedürfnisse chronisch depressiv Erkrankter zugeschnitten ist. Die Therapie legt den Schwerpunkt darauf, wie Betroffene zwischenmenschliche Beziehungen erleben und gestalten. Viele von ihnen haben bereits früh, oft schon in der Kindheit, belastende Erfahrungen mit wichtigen Bezugspersonen gemacht, die bis heute nachwirken und zu einem Gefühl der Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit führen können. Zudem steigt das Risiko für Abhängigkeitserkrankungen und Suizidalität. „CBASP setzt genau dort an, wo klassische Therapieverfahren oft an ihre Grenzen stoßen”, erklärt Susan Suchland, Oberärztin der Universitätsklinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. „Die Patient:innen lernen, den Zusammenhang zwischen ihrem eigenen Verhalten und den Reaktionen anderer Menschen besser zu verstehen, damit sie wieder erfüllende Beziehungen gestalten und entsprechend ihren Bedürfnissen handeln können.”
Besonders in Kombination mit einer medikamentösen Behandlung hat sich CBASP in der Therapie der chronischen Depression als wirksam erwiesen. Damit der Ansatz auch im Stationsalltag bestmöglich umgesetzt wird, erhält das gesamte Pflegeteam eine CBASP-Basisschulung. Ausgewählte Pflegefachpersonen vertiefen ihr Wissen zusätzlich und stehen den Kolleg:innen als Ansprechpartner:innen zur Seite.
rTMS: Magnetstimulation als leitliniengerechte Therapieoption
Als weiteren neuen Therapiebaustein bietet die Station die repetitive Transkranielle Magnetstimulation (rTMS) an. Bei diesem schmerzfreien und nicht-invasiven Verfahren sendet eine Spule kurze Magnetimpulse durch die Schädeldecke. Sie lösen im Gehirn gezielt Aktionspotenziale aus und regulieren die Aktivität in bestimmten Hirnregionen – insbesondere im dorsolateralen präfrontalen Kortex, der für Konzentration, logisches Denken und Stimmungsregulation von zentraler Bedeutung ist. „Der genaue Wirkmechanismus ist bislang noch nicht vollständig geklärt. Die Datenlage für rTMS ist inzwischen jedoch sehr gut und ihre Wirksamkeit bei Depressionen gut belegt”, sagt Dr. Tim Johannes Krause, Oberarzt der Universitätsklinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. „Die Behandlung ist leitliniengerecht und wird insbesondere dann empfohlen, wenn andere Ansätze nicht den erhofften Therapieerfolg gezeigt haben.”
Eine Einzelsitzung dauert zwischen 10 und 30 Minuten und findet werktags über mehrere Wochen statt – begleitet durch die Fortführung weiterer Therapien und eine engmaschige Überprüfung des psychischen Befindens. „Das Verfahren gilt als vergleichsweise schonend. Nach den ersten Sitzungen können vereinzelt Kopfschmerzen, Schwindel oder Übelkeit auftreten. Diese halten jedoch meist nur kurz an und werden im weiteren Behandlungsverlauf deutlich weniger. Kognitive Nebenwirkungen sind nicht zu erwarten“, erklärt Krause.
Im Rahmen des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit (DZPG) ist die Universitätsklinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Universitätsmedizin Halle zudem an wissenschaftlichen Untersuchungen beteiligt, um die rTMS als zukunftsträchtige Methode noch wirksamer und zielgenauer sowie für andere Erkrankungen weiterzuentwickeln.