Notruf von den Seychellen an das Elisabeth-Krankenhaus

Nach einer speziell auf große Reptilien abgestimmten Narkose schläft George ein und atmet ruhig. Die 4-stündige OP kann starten. Foto/Quelle: privat/Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara Halle (Saale).

Halle/EKH. Seit rund 30 Jahren betreibt Dr. med. Hendrik Liedtke, Chefarzt der Klinik für Anästhesie, Intensiv-, Notfall- und Schmerzmedizin am Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara Halle (Saale), mit einem Kollegen das Unternehmen „ResortDoc“. Die Firma der beiden Hallenser unterhält weltweit medizinische Zentren, die Hotels angegliedert sind und Patientinnen und Patienten im Bedarfsfall eine optimale medizinische Versorgung anbieten. Zum Jahresbeginn erhielt der Chefarzt und vormalige Ärztliche Direktor des halleschen Krankenhauses einen ungewöhnlichen Hilferuf aus der Niederlassung auf den Seychellen, einer vor allem bei Tauchtouristen beliebten Inselgruppe vor der Küste Ostafrikas im Indischen Ozean. Die unter Tierschützern und Naturfreunden weltweit bekannte Riesenschildkröte George, eines der ältesten lebenden Landtiere der Erde, hatte eine schwere Verletzung erlitten und benötigte dringend eine Operation. Liedtke zögerte nicht und koordinierte eine spektakuläre Rettungsaktion.

Die Insel Desroches ist Teil der Seychellen und liegt rund 240 Kilometer südwestlich der Hauptinsel Mahé im Indischen Ozean. Prominentester Bewohner der kleinen Insel ist die Aldabra-Riesenschildkröte George. Neuesten Schätzungen zufolge ist das Tier rund 135 Jahre alt und damit mutmaßlich eines der fünf ältesten lebenden Landtiere der Erde. Bevor die Schildkröte zusammen mit 45 Artgenossen auf Desroches angesiedelt wurde, lebte George auf der damals unberührten Nachbarinsel Silhouette.

Seit seinem Eintreffen im neuen Zuhause vor einigen Jahren ist George das inoffizielle Wahrzeichen der Insel Desroches und Liebling von Einheimischen und Touristen gleichermaßen. Um das Wohlergehen und den Schutz der Riesenschildkröten kümmert sich das Team der örtlichen Aufzuchtstation – und tatsächlich ist es in den vergangenen Jahren gelungen, die Population der beeindruckenden Tiere vor Ort wieder zu erhöhen.

Notruf von den Seychellen

Am 9. Januar erhält Dr. Hendrik Liedtke einen Anruf seines Kollegen Dr. Lukas Kamarad. Der österreichische Allgemeinmediziner und Urologe ist derzeit als „ResortDoc“ auf den Seychellen im Einsatz und eng mit dem Inselleben verbunden. Dr. Liedtke erzählt: „Die Schilderung des Kollegen machte den Ernst der Lage sofort deutlich. Riesenschildkröte George habe eine schwere Verletzung erlitten. Zwar sei nicht klar, woher die Verletzung stamme, jedoch sei die Schildkröte nicht mehr bewegungsfähig.“ Kamarad konnte mit Hilfe des Röntgengerätes sofort die Diagnose stellen – es lag ein Bruch des linken Vorderarmknochens vor. Eines war klar: Sollte es nicht gelingen, George schnell und fachgerecht zu behandeln, würde das weltweit bekannte und seltene Tier sterben.

Noch am selben Tag ruft Dr. Liedtke zwei gute Kollegen an: Den Tiermediziner Dipl. med. vet. Jens Thielebein von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sowie den orthopädischen Chirurgen Dr. med. Felix Göbel vom Gelenkzentrum „Orthodocs“ aus Halle. Hendrik Liedtke und Felix Göbel verbindet eine lange Freundschaft. Bereits 2004 waren die beiden Mediziner zusammen auf den Malediven, um Opfer der verheerenden Tsunami-Katastrophe zu behandeln.

Wenig später sind Thielebein und Göbel mit dem Flugzeug unterwegs auf die Seychellen, um den besonderen Patienten aufzusuchen. Sie wissen, dass sie mit ihrer Expertise aus der Tier- und Humanmedizin die einzige Chance für George sind. Natürlich erwarten beide für ihren Einsatz keine Bezahlung. Die Reise- und Unterbringungskosten übernehmen die „Resortdocs“.

Improvisierter OP-Saal unter Palmen

Am 12. Januar 2026 treffen die Helfer, die ihre spezielle medizinische Ausrüstung zuvor in ein Kleinflugzeug umgeladen hatten, auf Desroches ein. Erwartet werden sie bereits von Verantwortlichen der Island Conservation Society Seychelles, der für den Ausbau der Infrastruktur und den Naturschutz auf der Inselgruppe zuständigen Behörde. Zudem ist die gesamte Bevölkerung der Insel, rund 200 Einwohnerinnen und Einwohner, auf den Beinen. Alle wollen am Schicksal ihres geliebten „Inselmaskottchens“ teilhaben und Zeugen seiner Rettung sein.

Nun beginnt die Arbeit: Um den schwergewichtigen Patienten – George wiegt fast 300 Kg – überhaupt röntgen und operieren zu können, muss ein geeigneter OP-Tisch her. Diesen konstruieren die Helfer in einer örtlichen Werkstatt aus einer auf großen Gummireifen montierten Holzplatte. Um das verletzte Reptil auf die Holzkonstruktion heben zu können, muss ein Gabelstapler organisiert werden. Die Fraktur im Oberarm wird zum Teil verdeckt durch den gewaltigen Panzer, was den Zugang für die beiden Operateure erschwert. Wie beim Menschen soll der Knochenbruch durch eine Osteosynthese, eine operative Fixierung mit Platten, Schrauben oder Nägeln, versorgt werden. Dr. Thielebein verabreicht George eine speziell auf große Reptilien abgestimmte Narkose und lagert ihn sicher auf dem improvisierten OP-Tisch. Kurz darauf ist George eingeschlafen und atmet ruhig. Der Eingriff, den die beiden Ärzte gemeinsam durchführen, dauert fast fünf Stunden. Als die Wunde schließlich verschlossen ist, stellt sich die Frage, wie die erforderliche, mehrwöchige Ruhigstellung gewährleistet werden kann. Auch hier wird erfolgreich improvisiert: Ein aufgeschnittener Autoreifen und Lkw-Spanngurte dienen als Schutz und Schiene für das frisch operierte Vorderbein der Riesenschildkröte.

Riesenschildkröte George auf dem Weg zur Genesung

Heute, rund eine Woche nach der außergewöhnlichen Operation, blicken die Beteiligten zufrieden auf ihren Einsatz zurück. George von Desroches, das lebende Fossil, befindet sich auf dem Weg der Besserung.

„Das Tier isst und trinkt regelmäßig, was den veterinärmedizinischen Kollegen zufolge ein sehr gutes Zeichen ist“, berichtet Dr. Liedtke. Aus Sicht der Experten spricht nichts gegen eine vollständige Genesung der Schildkröte. Dr. Hendrik Liedtke fasst das außergewöhnliche Unterfangen zusammen: „Während meiner langjährigen Tätigkeit am Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara waren wir immer wieder mit Situationen konfrontiert, die über den regulären Versorgungsauftrag hinausgehen. Dazu zählt eine gesellschaftspolitische Verantwortung ebenso wie die Bewahrung der Schöpfung – quasi als Teil der DNA unseres Krankenhauses. Gemeinsam mit allen beteiligten Helferinnen und Helfern bin ich stolz darauf, dass wir einen wichtigen Beitrag zum Natur- und Artenschutz haben leisten können. Ich danke allen Kolleginnen und Kollegen sehr herzlich und wünsche George eine rasche und vollständige Gesundung sowie ein besonders langes Leben. Ich hoffe sehr, dass wir in einigen Jahren alle zusammen den 150. Geburtstag unseres Patienten auf der Insel Desroches feiern können. Für den 200. werde ich wohl meine Enkel um einen Besuch auf den Seychellen bitten müssen.“