NGG warnt: Längere Arbeitstage bringen Familien in Halle an ihre Grenzen

Foto: NGG / Nils Hillebrand.

Halle/NGG. In Halle (Saale) gibt es für rund 2.920 Kinder unter drei Jahren einen Kitaplatz. Die Betreuungsquote liegt damit laut amtlicher Statistik bei rund 54 Prozent. „Das ist zu wenig. Vor allem wenn Eltern arbeiten, müssen sie sich darauf verlassen können, dass ihre Kinder betreut werden“, sagt Christian Ullmann von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Der landesweite Bedarf der Eltern in Sachsen-Anhalt liege laut einer Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) jedoch bei 63 Prozent.

Erhebliche Probleme sieht die Gewerkschaft nun auf Eltern in Halle zukommen. Grund sind die Pläne der Bundesregierung, das Arbeitszeitgesetz zu ändern und den 8-Stunden-Tag abzuschaffen. „Wenn das passiert, bricht für Eltern jede Planung bei der Kinderbetreuung zusammen. Ein Arbeitstag kann dann auch zwei oder sogar vier Stunden länger werden. Mit der Verlässlichkeit, die Familien brauchen, hat das nichts mehr zu tun“, sagt Ullmann.

Längere Arbeitstage erschweren den Familienalltag

Gerade für berufstätige Eltern sei eine verlässliche Betreuung entscheidend. „Kita- und Arbeitszeiten sind oft schon heute eng aufeinander abgestimmt. Wer sein Kind in der Kita hat, muss es pünktlich vor Schließung abholen. Wenn aus einem 8-Stunden-Tag künftig 10 oder 12 Stunden werden können, wird eine verlässliche Alltagsplanung für Familien nahezu unmöglich“, so Ullmann. Das könne am Ende sogar die Berufstätigkeit der Eltern beeinträchtigen.

Kritisch sei die geplante Änderung auch für pflegende Angehörige. „Wer sich zu Hause – etwa in Abstimmung mit Pflegediensten – um Angehörige kümmert, kann alles gebrauchen, aber keinen XL-Arbeitstag“, sagt der Geschäftsführer der NGG Leipzig-Halle-Dessau. Verlässlichkeit sei auch hier das A und O. Die geplante Aufweichung des 8-Stunden-Tages sei deshalb „Gift für alle, die den Spagat zwischen Job und Familie schaffen müssen“.

Betroffen seien vor allem Frauen: 51 Prozent von ihnen kümmern sich laut einer bundesweiten Beschäftigtenbefragung (Index Gute Arbeit) des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zu Hause um Angehörige – insbesondere Kinder oder ältere Menschen. Bei den Männern seien es 41 Prozent. Bereits heute habe gut ein Fünftel aller Beschäftigten häufig Probleme, Familie und Beruf zeitlich zu vereinbaren, bei alleinerziehenden Frauen seien es sogar 42 Prozent.

„Sollte Schwarz-Rot den 8-Stunden-Tag abschaffen und eine Wochenarbeitszeit von bis zu 48, in Ausnahmefällen sogar 73,5 Stunden zulassen, würde die Bundesregierung viele Familien in der Händelstadt zusätzlich belasten – im Beruf wie im Privatleben“, warnt Ullmann.

NGG fordert bessere Arbeitsbedingungen statt längerer Arbeitszeiten

Dabei suchten nicht nur Gastgewerbe und Lebensmittelhandwerk, sondern auch viele Betriebe der Nahrungsmittelindustrie dringend qualifizierte Fachkräfte. „Den Arbeitskräftemangel lösen wir nicht durch längere Arbeitstage, sondern durch bessere Arbeitsbedingungen und mehr Kita-Plätze“, so Ullmann.

Außerdem seien längere Arbeitstage eine Gefahr für die Gesundheit. „Nach acht Stunden steigt das Unfallrisiko deutlich an, nach zwölf Stunden ist es doppelt so hoch wie an einem regulären Arbeitstag.“ Hinzu kämen gesundheitliche Folgen wie Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Burnout.