Halle/BGKB. Das BG Klinikum Bergmannstrost Halle baut seine Expertise in der Behandlung komplexer Infektionen weiter aus und eröffnet ein Institut für Phagenmedizin. „Mit dem Institut wollen wir die wissenschaftliche Forschung zu Bakteriophagen und deren klinische Anwendung noch enger miteinander verbinden und die Phagentherapie in Deutschland weiterentwickeln. Ziel ist es, dass wir Patientinnen und Patienten mit schwer behandelbaren bakteriellen Infektionen oder multiresistenten Keimen neue Therapieperspektiven eröffnen können“, erläutert der Leiter des neuen Instituts, Dr. Steffen Langwald, der am Bergmannstrost bislang die Septische und Rekonstruktive Chirurgie an der Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie leitet. Er gilt als Experte für Phagentherapie und gehört deutschlandweit zu den wenigen Ärzten, die das Verfahren in ausgewählten Fällen anwenden.
Bakteriophagen, kurz Phagen, sind Viren, die im menschlichen Körper gezielt bestimmte Bakterien infizieren und zerstören können. Sie können insbesondere dann eine Behandlungsoption sein, wenn Antibiotika aufgrund von Resistenzen nicht mehr wirken. Die Phagentherapie ist bislang in Deutschland nicht als reguläres Verfahren zugelassen und darf nur unter bestimmten Voraussetzungen in ausgewählten Fällen als sogenannter individueller Heilversuch eingesetzt werden. In Sachsen-Anhalt ist das Bergmannstrost die einzige Klinik, die diese Option anwendet.
„Mit dem Institut für Phagenmedizin wollen wir dazu beitragen, dass aus einem vielversprechenden Therapieansatz eine wissenschaftlich fundierte und verlässlich anwendbare Option für die moderne Patientenversorgung wird“, so Steffen Langwald. In den letzten zehn Jahren hat er mehr als 50 Patientinnen und Patienten mit Bakteriophagen behandelt, die unter chronischen oder akuten Infektionen litten und bei denen die Standardtherapien ausgeschöpft waren – eine klinische Expertise, die deutschlandweit einmalig sein dürfte.
„Es geht dabei nicht darum, Antibiotika zu ersetzen. Vielmehr kann die Phagenmedizin das therapeutische Spektrum bei schwer behandelbaren bakteriellen Infektionen erweitern. Denn angesichts weltweit zunehmender Antibiotikaresistenzen wird die Suche nach zusätzlichen Behandlungsstrategien immer wichtiger“, erklärt Steffen Langwald. Darum versteht sich das neue Institut auch als wissenschaftliche Plattform für klinische und translationale Forschung zur Phagentherapie. „Durch die enge Verzahnung der Forschung mit der Patientenversorgung können die Patientinnen und Patienten viel schneller von wissenschaftlichen Erkenntnissen profitieren.“
Bereits seit 2005 verfügt das Bergmannstrost mit der Abteilung für Septische und Rekonstruktive Chirurgie über ein hoch spezialisiertes, überregional anerkanntes Zentrum für die Behandlung unfallbedingter Knochen- und Gelenkinfektionen. In diesem Bereich hat Dr. Steffen Langwald die Phagentherapie im Rahmen individueller Heilversuche bislang erfolgreich eingesetzt. „Auf Grundlage dieser Erfahrungen wollen wir die Phagenmedizin auf weitere Fachbereiche ausweiten, darunter Wirbelsäulen-, Gefäß- und Allgemeinchirurgie, Urologie sowie die Behandlung chronischer und schwer heilender Wunden.“ Geplant sind zudem Kooperationen unter anderem mit Forschungseinrichtungen und Phagenzentren im In- und Ausland.
Hintergrund zur Phagentherapie
Phagen werden bereits seit 100 Jahren als therapeutische Option eingesetzt. Vor allem in den osteuropäischen Staaten, speziell in Georgien, wurde intensiv an Phagen geforscht, in mehreren Ländern Osteuropas ist ihr Einsatz als Arzneimittel etabliert. Auch in der DDR war deren Anwendung geregelt, in Bernburg gab es eine Produktionsstätte für Bakteriophagen. Als Antibiotika verfügbar wurden, gerieten Phagen in den westlichen Industrieländern in Vergessenheit. Eine reguläre Zulassung als Arzneimittel gibt es in Deutschland und der EU bislang nicht.