Magdeburger Startup beschleunigt die Gewinnung ausländischer Fachkräfte

News

Magdeburg. IMG/LSA. Es ist nicht zu übersehen: Die Wirtschaft braucht Fachkräfte. Pflegepersonal, IT-Experten oder andere Fachkräfte aus dem Ausland sind gefragt wie selten zuvor. Doch die bürokratischen Hürden sind hoch, erschweren hochqualifizierten Bewerbern eine berufliche Zukunft in Deutschland. Andreas Kopysov kennt diese Schwierigkeiten aus eigenem Erleben. Der gebürtige Russe und ehemalige Staatsbeamte beschleunigt von Magdeburg aus mit seinem Startup Abläufe und digitalisiert Verfahren. Gerade in Zeiten der Pandemie gewinnt das für zahlreiche Unternehmen an Bedeutung.

Corona löst im Frühjahr bei vielen Unternehmen einen Schock aus. Was ohnehin schon schwierig ist, wird nahezu unmöglich. Ausländische Fachkräfte finden kaum einen Weg nach Deutschland. Mit dem Aufkommen der Pandemie werden Grenzen geschlossen, Reisen ist zunächst ein Tabu-Thema, und in Betrieben gilt in den unsicheren Zeiten ein Einstellungsstopp. Die Erteilung von Visa geht in Deutschland stark zurück. „Dabei brauchen wir gerade jetzt Spezialisten, besonders im IT-Bereich“, sagt Andreas Kopysov. „Die Krise hat in Deutschland den Digitalisierungsmangel offenbart, wir müssen hier einiges aufholen.“ Software-Entwickler, Programmierer, IT-Spezialisten gelten seit Jahren ohnehin als „Goldstaub“. Und auch in anderen Bereichen würden händeringend Fachkräfte gesucht, erklärt Kopysov. Was sich jedoch nicht verändert hat, sind die Bürokratie und die langen Bearbeitungszeiten, die Bewerbern aus dem Ausland den schnellen Zugang zu den freien Stellen erschweren. Mit seiner Visaright GmbH beschleunigt der Unternehmer die Bearbeitung von Visumsanträgen, hilft Antragstellern und Betrieben. Er sagt: „Ich kämpfe gegen die Bürokratie und für die Digitalisierung.“

Vom Konsularbeamten zum Unternehmer

Andreas Kopysov weiß genau, wovon er spricht. Der Visaright-Chef kommt 1993 aus Russland nach Deutschland und erlebt am eigenen Leib, wie „Entscheidungen häufig im Schneckentempo“ gefällt werden. Der berufliche Weg führt den Berliner in den Auswärtigen Dienst und in viele Botschaften der Bundesrepublik Deutschland, wo er Visumsanträge bearbeitet und Konzepte vorlegt für die digitale Beschleunigung der Verfahren. Andreas Kopysov lernt Menschen kennen, deren Schicksal an Behörden geknüpft sind, oder erfährt, wie Unternehmen um Spezialkräfte kämpfen und an bürokratischen Hürden scheitern. „Das kann besser laufen“, sagt er sich, gibt sein Beamtenstatus auf und gründet 2018 in der Bundeshauptstadt sein Unternehmen. Als frischgebackener Unternehmen macht er genau dort weiter, wo er als Konsularbeamter aufgehört hat – bearbeitet Visumsanträge, wohlgemerkt keine Asylanträge. Der Unterschied zum Staatsdienst: In der freien Marktwirtschaft arbeitet Kopysov daran, zu zeigen, wie digitaler Fortschritt in Behördendingen funktionieren kann, wenn man ihn unternehmerisch organisiert.

Unterstützung mit Software, Rechtsbeistand und Beratungen

Als Unternehmer des Legal-Tech-Startups unterstützt er Antragsteller und Unternehmen. Die Grundlage dafür ist eine Software, die hauseigene Entwickler auf die Beine stellen. Über sie können alle Dienstleistungen angeboten werden hinter denen bürokratische Prozesse stecken, sagt Kopysov. Was sonst Monate dauert, wird auf Wochen geschrumpft. „Wir bahnen einen Weg durch den Behörden-Dschungel“, sagt der Gründer. Und der ist dicht und voller Fallstricke. Allein mehr als 120 verschiedene Visumsarten existieren in Deutschland. „Es gibt gefühlte 1.000 Formulare, viele Nachweis-Verpflichtungen und unfassbare Terminmengen“, so Kopysov, „und das, obwohl es ein neues Fachkräfte-Einwanderungsgesetz gibt“. Vor einem Jahr vom Bundestag beschlossen und im März 2020 in Kraft getreten, sollte dies laut Bundesregierung dafür sorgen, „dass Deutschland mehr qualifizierte Fachkräfte aus aller Welt gewinnt“. Andreas Kopysov spürt davon in seinem Alltag wenig. „Obwohl Unternehmen dringend auf Fachkräfte angewiesen sind, müssen sie nach wie vor, mit langen Wartezeiten kämpfen“, sagt er und berichtet von komplizierten Behördenwegen, selbst dann, wenn alle Nachweise vorliegen, von Briefen der Arbeitsagentur, die per Post in weit entfernte Länder verschickt werden sollen und von Formfehlern, die durch analoges Arbeiten entstehen. Mit Visaright hat das Unternehmen nach eigener Schätzung bereits 300 Fachkräften den Zugang zum Traum-Arbeitsplatz erleichtert und zugleich Fachkräfte-Lücken geschlossen. Flankiert werden die Software-Angebote durch Anwalts- und Beraterleistungen.

Dem wichtigen Fachkräfte-Thema in Sachsen-Anhalt einen Schub geben

Seit Beginn dieses Jahres lotst das Startup von Magdeburg aus, potenzielle Einwander*innen und künftige Arbeitgeber*innen durch beschleunigte Verfahren, betreut etwa 70 Unternehmen in Berlin, Frankfurt (Main), Hamburg und in Sachsen-Anhalt. „Der Bedarf ist groß, wir sind schnell gewachsen“, sagt Andreas Kopysov. Bei der Suche nach einem Investor landet der Visaright-Chef damals bei der „bmp Ventures AG“, die das Startup mit Mitteln aus dem IBG-Fond der Beteiligungsgesellschaft Sachsen-Anhalt unterstützt. „Wir können hier sehr gut arbeiten“, sagt Kopysov. Passende Räume in Magdeburgs Innenstadt sind rasch gefunden, Kontakte schnell aufgebaut. Gemeinsam mit der Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt plant der Geschäftsführer derzeit eine Vernetzung mit verschiedenen Wirtschaftsförderern des Landes, „um bald noch dichter an der Basis zu sein und dem wichtigen Thema Fachkräfte hierzulande einen Schub zu geben“. In der Magdeburger Firma sorgen inzwischen 18 Mitarbeiter*innen dafür, dass das Angebot stetig erweitert wird. Viele davon arbeiten mobil. Auch das gehört zur Firmenphilosophie, wie der Geschäftsführer sagt: „Die Digitalisierung macht so vieles möglich, wir müssen es nur alle nutzen.“ Das Startup macht es vor. Mit der Software können auf Wunsch Wohnsitze gesucht, Krankenversicherungen eingeleitet, Bankkonten eröffnet oder bald auch ein Kindergarten-Service genutzt werden.

Heißer Draht: Visaright ist digital mit einer Behörde verbunden

Aktuelle freut sich das Team über eine Premiere: Zum ersten Mal ist mit Visaright eine Firma digital an eine Behörde angebunden – befördert durch das Inkrafttreten des deutschen Onlinezugangsgesetzes mit dem Bund, Länder und Kommunen bis Ende 2022 verpflichtet werden, Verwaltungsleistungen digital anzubieten. Das Magdeburger Unternehmen hat damit jetzt den „heißen Draht“ zur Ausländerbehörde in Berlin. „Das ist ein erster Schritt“, sagt Andreas Kopysov, der weiß, dass Visum-Entscheidungen, die von analogen Abläufen bestimmt sind, Wartezeiten von bis zu anderthalb Jahren mit sich bringen können. Mit Visaright dauert der Prozess nach eigenen Angaben im Schnitt zwei Monate. Es hätte auch schon Fälle gegeben, wo nach einer Woche alles geregelt gewesen sei. Wie sie das schaffen? „Wir setzen dort an, wo es behördlich hakt, nutzen unsere Technologie, rufen immer wieder an, beraten, erleichtern, alles, was geht“, so der Visaright-Chef.

Geschäft europaweit ausbauen

Der Bedarf dafür wächst. „Im September hatten wir durch die Corona-Krise so viele Nachfragen wie noch nie“, sagt Kopysov, der das Portfolio weiter ausbauen möchte. Bald will man in der Magdeburger Firma die gesamte Palette der Visumsarten abdecken, das Geschäft soll europaweit aufgestellt und die Software um weitere Dienstleistungen erweitert werden. Daneben wollen sich Andreas Kopysov und sein Team weiterhin auf politischer Ebene für die Entbürokratisierung einsetzen, wie er sagt. Dass Kandidaten aufgrund langer, nerviger Wartezeiten abspringen und die dringend gesuchten Fachkräfte in Länder gehen, wo die Prozesse einfacher sind – so etwas soll der Vergangenheit angehören. Derzeit freut sich aktuell ein sachsen-anhaltisches Unternehmen über den Gewinn eines kubanischen Software-Entwicklers. Monatelang hat es um den Fachmann gekämpft, dann Visaright eingeschaltet. „Jetzt“, so Andreas Kopysov, „kommt die Fachkraft sehr bald hierher“.

Autorin: Manuela Bock/IMG Sachsen-Anhalt