Berühmte Akropolis wurde im 19. Jh. von Archäologie-Professor der MLU ausgegraben

Akropolis: Lithographie nach Christian Hansen aus der Publikation von Ludwig Ross (1839). Foto: Archäologisches Museum Halle.

Halle. MLU/CampusHalensis. Kaum jemand weiß, dass die weltberühmte Akropolis, jener hoch über der griechischen Hauptstadt thronende antike Gebäudekomplex, maßgeblich von einem Deutschen ausgegraben worden ist. Noch dazu von einem, den es später an Universität Halle zog. Sein Name: Ludwig Ross.

Er war einer der wichtigsten Archäologen seiner Zeit. „Und zugleich Begründer der Archäologie in Halle“, sagt Henryk Löhr, Mitarbeiter am Archäologischen Museum der MLU. „Deshalb ist es bedauerlich, dass Ross heute weit weniger bekannt ist als der Archäologe und spätere Institutsdirektor Carl Robert.“ Zur Erinnerung: Zu dessen Ehren erhielt das Archäologische Museum der Universität 1922 den Namen „Robertinum“, den es bis heute trägt.

Wer war Ludwig Ross?

Der 1806 in Bornhöved in Schleswig-Holstein geborene Wissenschaftler war einer der ersten Archäologen in Griechenland. Zuvor hatte er zunächst in Kiel ein Medizinstudium begonnen, das er nicht beenden konnte, weil er bei der Leichensektion in Ohnmacht fiel. Und so wechselte er zur Philologie, promovierte und ging als Privatlehrer ins Ausland. Als er 1832 nach Griechenland kam, war Athen ein eher kleiner und noch recht unbedeutender Ort, doch Hellas, der junge Nationalstaat, der lange Zeit nur schwer zugänglich war, zog das Interesse der gebildeten Schichten Europas auf sich.

Ludwig Ross – Lithographie von Maurin, 1845. Foto: Archäologisches Museum Halle.

Ross, der bald fließend Neugriechisch sprach, fand dort ein reiches Betätigungsfeld vor. Außerdem entwickelte er ein enges Verhältnis zum griechischen König Otto I., einem Deutschen, den Ross auf seinen Reisen begleitete. Diese persönliche Nähe und Ross’ Fachkompetenz führten dazu, dass ihn der junge König kurze Zeit später zum Aufseher über die antiken Denkmäler ernannte. In der Folge erhielt er die Gesamtleitung der bereits geplanten Ausgrabungen auf der Akropolis. Sein Verdienst: „Es war das erste Mal überhaupt, dass Grabungen methodisch und systematisch erfolgten“, so Henryk Löhr. Innerhalb weniger Monate gelang es unter der Leitung des zu jener Zeit gerade einmal 30-jährigen Ross, den Tempel der Nike Apteros aus den Trümmern zu graben und wieder zu errichten.

Schon bald war Ross in Athen allseits bekannt. 1837 berief man ihn zum Professor für Archäologie an die Athener Universität. Seine Tätigkeit wurde 1843 jäh von einer Revolution beendet, durch die König Otto gezwungen wurde, alle Ausländer aus dem Staatsdienst zu entlassen.

Da Ross inzwischen auch in Deutschland ein bekannter Mann war, setzte sich Alexander von Humboldt persönlich für ihn ein und erreichte, dass er auf eine Professur an die Universität Halle berufen wurde. Das Ernennungsschreiben findet sich noch heute im Universitätsarchiv. Am 4. Dezember 1843 unterzeichnete Johann Albrecht Friedrich von Eichhorn, preußischer Minister für geistliche Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten, die zugehörige Urkunde. Das Schriftstück räumte Ross weitreichende akademische Freiheiten ein, so heißt es darin, „…ihn vorerst aber behufs der von ihm zu unternehmenden wissenschaftlichen Reisen und Untersuchungen in Griechenland und Klein-Asien auf zwei Jahre zu beurlauben.“

Ross fand nicht zuletzt durch die Bekanntschaft zu seinem halleschen Verleger Karl Gustav Schwetschke schnell Zugang zur hiesigen Stadtgesellschaft. Im Mai 1847 heiratete er dessen Nichte Emma, die mehr als 17 Jahre jünger war. 1854 bezog das Paar eine eigens errichtete Villa am damaligen Stadtrand. Heute liegt sie mitten in der City und trägt die Adresse Am Kirchtor 29.

An der Universität stellte sich Ross demonstrativ ins Lager der liberalen Professorenschaft und setzte sich für die Bildung eines Nationalstaates ein. Seit langem schon war er ein glühender Patriot. Die Vereinigung der in seiner Heimatregion befindlichen Herzogtümer Schleswig und Holstein war eins seiner Lebensthemen.

Was sein Fach, die Archäologie, anging, so wollte er das Klassische Altertum im halleschen Institut in seinen historischen Abläufen zeigen und den Blick dabei auch auf Ägypten und den Alten Orient erweitern. Aus diesem Grund geriet er bald in Konflikt mit dem damaligen Universitäts-Kurator Ludwig Pernice, dem diese Pläne nicht gefielen. „Ross galt als streitbarer und eigensinniger Geist“, sagt Henryk Löhr. Trotz allem gründete Ross 1849 am heutigen Friedemann-Bach-Platz in Räumen der damaligen Universitätsbibliothek ein kleines Archäologisches Museum. Es war die erste öffentliche Kunstsammlung in Halle überhaupt. Einzig Ross’ fortschreitende Erkrankung, ein Rückenmarksleiden, verhinderte den weiteren Ausbau der Einrichtung. Schmerzen und Lähmungserscheinungen nahmen ihm den Lebensmut und so setzte er seinem Leben am 6. August 1859 ein Ende. Seinem Wunsch gemäß wurde er in seinem Geburtsort Bornhöved begraben.

Ross hat dem von ihm in Halle begründeten Museum seine private Sammlung antiker Münzen, einige Originale und Gipsabgüsse aus seinem Besitz hinterlassen. Seinen Nachlass, der zahlreiche Schriften, archäologische Aufsätze und diverse Originalbriefe umfasst, übergab seine Ehefrau Emma Ross später an Carl Robert. „Dessen Nachfolger Herbert Koch nahm ihn mit sich, als er 1959 in den Westen übersiedelte. So gelangte die Sammlung schließlich in den Bestand der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek in Kiel“, sagt Henryk Löhr, der 2006 im halleschen Löwengebäude eine Ausstellung zu Ludwig Ross kuratiert hat.

Heute erinnert im Robertinum vor allem eine Büste am Eingang an den großen Wissenschaftler. „Und natürlich“, so versichert Löhr, „erfahren alle Erstsemester in den Lehrveranstaltungen des Instituts, welch bedeutende Persönlichkeit sich dahinter verbirgt.“

Autorin: Ines Godazgar.