Landesbehindertenbeauftragter: „Aus der Corona-Krise lernen“

Magdeburg. MS/LSA. Menschen mit Behinderungen, das offenbart auch und vor allem die anhaltende Corona-Krise bundesweit, unterliegen einem erhöhten Risiko, ausgegrenzt oder diskriminiert zu werden. Daher sei es unsere gesellschaftliche Pflicht, so Sachsen-Anhalts Landesbehindertenbeauftragter Dr. Christian Walbrach, aus der Corona-Krise die richtigen Lehren zu ziehen.

Walbrach fragt: Was haben wir zum Beispiel gelernt? Welche Chancen auch für Menschen mit Behinderungen im Ausbau der digitalen Infrastruktur liegen, sei praxisnah nachvollzogen worden. „Wir lernten, dass wir mehr denn je eine verstetigte, barrierefreie Informations- und Medienkultur benötigen. Uns wurde deutlich, dass die oft gut gemeinte Fürsorge um Schutz, Hygiene und Abstand nicht dazu führen darf, dass die Rechte zur Selbstbestimmung und eigenständigen Lebensführung unverhältnismäßig eingeschränkt werden. Hier wäre verantwortungsbewusst zu überlegen, in Phasen eines Lockdowns die Schärfe für betroffene Menschen in spezifischen Einrichtungen oder Wohnformen von Beginn an herauszunehmen. Wir lernten zudem, dass Ausnahmen von der Maskenpflicht durch alle Verantwortlichen vor Ort sensibel wahrzunehmen und umzusetzen sind“, so Walbrach Bis heute gebe es jedoch keine Klarheit über die krisenbedingten Entgeltregelungen und zu übergangsweisen Alternativen der Arbeitstätigkeit für die Beschäftigten in den Werkstätten für behinderte Menschen. Und ob sich alle Anspruchsberechtigten unter dem Schutzschirm wiederfinden durften, bleibe weiterhin und mit einem problembewussten Blick in die Zukunft kritisch zu prüfen.

„Eines wird deutlich“, so der Landesbehindertenbeauftragte, „wir müssen die aktive gesellschaftliche Einbindung, Teilhabe und Selbstbestimmung vor allem auch der Menschen mit Behinderungen klar, bewusst und nachhaltig gewährleisten. Es sind selbstverständliche Menschenrechte und diese Rechte sind nicht verhandelbar.“

Auch das neue Schuljahr müsse auf die erlebten Einschränkungen in der Krise und den ungehindert hohen Stand sonderpädagogischer Förderbedarfe Rücksicht nehmen. Schwerpunkte wie das Lerntempo, die individuelle Förderung und die Abschlusssicherung bedürften daher der besonderen Beachtung. Walbrach: „Erinnert sei an die Tatsache, dass die Zahl der Schulabgänger*innen ohne Schulabschluss in unserem Land auf einem relativ hohen Niveau liegt. Daher werden derzeit die Ursachen von Schulabbruch und Schulerfolg durch die Universität Magdeburg über das Projekt SEASA näher beleuchtet. Diese Initiative ist richtig und auch daraus kann man lernen. Es wäre sehr zu empfehlen, die wesentlichsten Lernergebnisse der Corona-Krise insgesamt und kritisch zu bilanzieren. Liegt eine solche Bilanz vor, sollte sie transparent und barrierefrei allen gesellschaftlichen Ebenen  zur Verfügung gestellt werden. Dies wäre ein starkes Signal in Richtung Partizipation und Wahrung von breit angelegten Beteiligungsrechten.“

Die Lernergebnisse aus der Corona-Krise dürften nicht dem Vergessen anheimfallen, sobald der krisenbedingte Druck schwächer wird. „Nutzen wir diese Ergebnisse für einen Klimawandel der besseren Art“, so der Landesbehindertenbeauftragte. „Erhalten wir uns zumindest ein Stück dieses Handelns aus Einsicht, der Solidarität, der Wertschätzung und Aufmerksamkeit füreinander. Wenn wir die Perspektive wechseln und vor allem die Chancen aus der Krise ziehen, werden wir merken, dass Schutzschirm mehr umfasst, als den Ausgleich finanzieller Lücken.“

Für Menschen mit Behinderungen blieben noch viele gesellschaftliche Aufgaben bestehen, so Walbrach. „Erinnert sei u.a. an barrierefreie Arztpraxen oder das bedarfsgerechte Wohnen. Weil die Rechte der Betroffenen gewahrt werden müssen, darf es auch in Zeiten nach der Krise zu keinen Leistungsabbrüchen, Benachteiligungen oder weiteren sozialen Ausgrenzungen kommen.“