Rainer Werner Fassbinder – Sammelband mit neuen Perspektiven zum 75. Geburtstag

Halle. MLU. Rainer Werner Fassbinder hätte am 31. Mai 2020 seinen 75. Geburtstag gefeiert. Bekannt wurde er durch Filme wie “Katzelmacher”, “Angst essen Seele auf”, “Die Ehe der Maria Braun” und “Berlin Alexanderplatz”. Das neue Buch “Rainer Werner Fassbinder transmedial” nimmt auch seine Arbeit am Theater und für das Hörspiel in den Fokus und eröffnet so neue Perspektiven auf den berühmten Regisseur und sein Werk. Zudem bietet der Sammelband erstmals Einblicke in den Nachlass Fassbinders mit vielen Hinweisen zu nicht-realisierten Filmprojekten. Herausgegeben wurde es vom Filmhistoriker Michael Töteberg und von Dr. Werner Barg, Medienwissenschaftler an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Rainer Werner Fassbinder, geboren am 31. Mai 1945, zählt zu den erfolgreichsten und produktivsten Regisseuren der deutschen Nachkriegsgeschichte: Er produzierte über 42 Spielfilme für Kino und Fernsehen. Auch international fanden seine Arbeiten Beachtung und wurden etwa beim New York Film Festival oder den Internationalen Filmfestspielen in Cannes gezeigt. Mit seinem Film “Die Sehnsucht der Veronika Voss” gewann er 1977 einen Goldenen Bären bei der Berlinale. Fassbinder ist zudem einer der wichtigsten Vertreter des “Neuen Deutschen Films”, einer Strömung in den 1960er und 1970er Jahren, die sich kritisch mit politischen und gesellschaftlichen Missständen auseinandersetzte.

Außerdem schrieb und inszenierte Fassbinder über 20 Theaterstücke, vier Hörspiele sowie mehrere Fernsehserien und Kurzfilme. Mit seinen Arbeiten sorgte er immer wieder für Kontroversen: Gegen die Aufführung des Theaterstücks “Der Müll, die Stadt, der Tod” wurde heftig protestiert, weil darin antisemitische Klischees verwendet wurden. “Fassbinder zeigte mit seinen Arbeiten immer wieder Tabuzonen in der Gesellschaft auf, etwa zum Antisemitismus. Er nutzte dabei ähnliche Mittel, wie es Populisten heute tun. Er wollte aber gewiss keine Stereotypen transportieren, sondern progressive Diskussionen ermöglichen und versteckten Fremdenhass offenlegen”, sagt der Medienwissenschaftler Dr. Werner C. Barg, Vertretungsprofessor in der Abteilung Medien- und Kommunikationswissenschaft am Institut für Musik, Medien- und Sprechwissenschaften der MLU. Nicht nur seine kontroversen Arbeiten sorgten für Aufsehen, auch sein Privatleben war geprägt von exzessivem Drogen- und Alkoholkonsum und für damalige Zeiten unüblichen bisexuellen Beziehungen mit Männern und Frauen.

Bereits im Alter von 37 Jahren starb Fassbinder am 10. Juni 1982. “In seiner vergleichsweise kurzen Schaffensphase hat sich Fassbinder als ein außerordentlich produktiver Medienschaffender gezeigt”, sagt Barg weiter. Das neue Buch versammelt Aufsätze von Medienwissenschafterinnen und -wissenschaftlern, die die verschiedenen Werke Fassbinders – Filme, Theaterstücke und Hörspiele – analysieren. “Bislang ist die Forschung zu Fassbinder sehr stark auf seine Filme konzentriert. Dabei bewegte er sich sehr innovativ zwischen den medialen Erzählwelten. Wenn wir uns beispielsweise seine Fernseharbeiten ‘Acht Stunden sind kein Tag’ und ‘Berlin Alexanderplatz’ anschauen, findet man darin frühe Vorläufer für die Qualitätsserien, die wir seit Anfang der 2000er Jahre kennen”, sagt Barg.

Das neue Buch solle deshalb auch dazu dienen, neue Perspektiven auf bereits bekannte Filme zu liefern, indem die einzelnen Aufsätze zeigen, wie Fassbinder den selben Stoff in verschiedenen Medien unterschiedlich aufgearbeitet und umgesetzt hat. Ein weiterer Beitrag im Buch gibt erstmals Einblicke in den Nachlass Fassbinders am Deutschen Filminstituts & Filmmuseums (DFF) mit bislang unveröffentlichten Manuskripten zu Filmprojekten, die er aufgrund seines frühen Todes nicht mehr realisieren konnte.

Zum Buch:
Barg, Werner C. & Töteberg, Michael (Hg.). Rainer Werner Fassbinder transmedial. Marburg 2020. 224 Seiten. 24,90 Euro. ISBN 978-3-7410-0362-2

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