Monatelanger Lockdown bremst die konjunkturelle Erholung in Mitteldeutschland aus

Handwerkskammer

Unternehmen hoffen auf baldiges und vollständiges Ende der Corona-Beschränkungen 

Halle. HWK. Nach über einem Jahr Corona-Pandemie sind für viele mitteldeutsche Unternehmen die Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung immens. Auch im Wirtschaftsraum Leipzig-Halle ist die Wirtschaft 2020 in die Rezession gerutscht. Die Umsätze in der Industrie sind deutlich gefallen.  

Insbesondere der private Konsum war durch die Corona-Beschränkungen rückläufig. Der langjährige Beschäftigungsaufbau in Mitteldeutschland wurde gestoppt und die Arbeitslosigkeit ist gestiegen, wenngleich durch die starke Nutzung der Kurzarbeit größere Entlassungswellen vermieden wurden. 

Der Konjunkturklimaindex für die mitteldeutsche Wirtschaft steigt zwar nach dem Corona-Einbruch im Jahr 2020 von rund -20 auf +18 Punkte wieder an, ist aber noch weit von der Normalität entfernt. So lag der Index vor der Corona-Pandemie (2019 = 83 Punkte) noch um ein Vielfaches höher. 

Die Hoffnung auf eine schnelle konjunkturelle Erholung nach dem ersten Corona-Schock im Frühjahr 2020 hat sich bislang noch nicht erfüllt. Der zunächst erfolgreiche Aufholprozess wurde durch den zweiten Lockdown ab Herbst wieder massiv ausgebremst. Das Vorkrisen-Niveau bleibt weiterhin unerreicht.  

Durch die unterschiedliche Betroffenheit der Betriebe von den Corona-Beschränkungen verlief auch die geschäftliche Entwicklung in den vergangenen zwölf Monaten äußerst zwiespältig. IHK-Präsident Kristian Kirpal: „Die Lage im produzierenden Gewerbe hat sich gegenüber dem Vorjahresstand zuletzt durchaus verbessert. Ganz im Gegensatz zur Situation im Handel, im Verkehrs- und Dienstleistungsgewerbe sowie in der Tourismuswirtschaft. Hier hat sich die Lage in vielen Firmen insbesondere durch die lang anhaltenden Einschränkungen nochmals zugespitzt.“ 

„Im Handwerk haben sich die Lagebeurteilungen der Unternehmen insgesamt zwar deutlich aufgehellt, aber dennoch sind Unterschiede zwischen den Gewerken auszumachen. Vor allem in den kontaktintensiven, persönlichen Handwerkssparten war die Entwicklung problematisch“, sagte Handwerkskammerpräsident Thomas Keindorf.

Die Geschäftserwartungen haben sich nach dem „Corona-Absturz“ vor einem Jahr zwar in allen Wirtschaftsbereichen wieder erholt. Dennoch liegt der Erwartungs-Saldo immer noch mit sieben Prozentpunkten im negativen Bereich. Die Zuversicht ist weiterhin verhalten und es machen sich vielfach noch skeptische Töne bemerkbar. 

Erst mit der weitgehenden Aufhebung der Corona-Beschränkungen dürfte die Konjunkturerholung endgültig wieder Fahrt aufnehmen. Trotz diverser Lockerungen in den vergangenen Wochen sind viele Unternehmen von einer ungehinderten Geschäftstätigkeit noch weit entfernt und bedürfen weiterer Unterstützung. 

„Zur Abfederung der unmittelbaren wirtschaftlichen Folgen müssen die vorhandenen Hilfs- und Unterstützungsprogramme weitergeführt werden, bis ein selbsttragender Geschäftsbetrieb wieder möglich ist. Für Unternehmen, die keinen Zugang zu den Überbrückungshilfen haben, sind die Härtefallprogramme von Bund und Ländern schnell und unbürokratisch anzuwenden“, betont IHK Präsident Kirpal. „Darüber hinaus sind vorübergehende Erleichterungen – wie zum Beispiel im steuerlichen Bereich der erhöhte Verlustrücktrag oder die Widereinführung der degressiven Abschreibung – zu verlängern. Es braucht jetzt mit aller Konsequenz und Verlässlichkeit eine Öffnung und Stabilisierung der mitteldeutschen Wirtschaft in allen Bereichen, um Investitionen und Beschäftigung wieder in Gang zu bringen.“ 

Auf ein aktuell sehr drängendes Problem weist Handwerkskammer-Präsident Keindorf hin: „Die weltweit steigende Nachfrage nach Rohstoffen und Halbleitern führt immer öfter zu Lieferengpässe und kräftigen Preissteigerungen. Dies führt beispielsweise im baunahen Handwerk vermehrt zu Bauverzögerungen und zu einem deutlichen Kostenanstieg. Dieser Entwicklung sollte die Politik schnell mit angepassten Preisgleitklauseln bei öffentlichen Vergaben bzw. Rücktrittsrechten entgegenwirken. In besonders kritischen Bereichen der Rohstoffversorgung sollte ebenso ein Einwirken auf die Absatzpolitik der Anbieter geprüft werden. Dies gilt zum Beispiel für die staatlichen Forstbetriebe.“ 

Ebenfalls mahnen die beiden Präsidenten – unabhängig der Corona-Krise – die stetige Verbesserung der wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Mitteldeutschland an. So muss die Energiewende, deren Auswirkungen durch den Kohleausstieg in der Region besonders zu spüren sind, wirtschaftsfreundlich gestaltet werden. Es darf keinen Strukturbruch, wie nach der Wiedervereinigung geben.

Zur Methodik

Für den mitteldeutschen Konjunkturbericht befragen die vier gewerblichen Kammern im Großraum Leipzig-Halle-Dessau mehrmals im Jahr eine repräsentative Stichprobe ihrer Mitgliedsunternehmen. Regelmäßig nehmen etwa 2.000 Betriebe aus den verschiedenen Branchen an dieser Befragung teil. Diese geben dabei unter anderem an, wie sie ihre aktuelle Geschäftslage bewerten und welche Entwicklung sie künftig erwarten. Die Umfragedaten aus den verschiedenen Branchen werden gewichtet und ausgewertet. Sowohl die Befragung als auch die Auswertung der Ergebnisse erfolgt nach anerkannten wissenschaftlichen Methoden.